Wenn LLMs der neue Browser werden
Erinnerst du dich noch daran, wie wir früher Telefonnummern auswendig wussten? Oder Straßenkarten im Auto gefaltet haben? Vielleicht erzählen wir unseren Enkeln bald genauso nostalgisch vom „Surfen“ im Internet.
„Damals haben wir noch Adressen in eine Leiste getippt, Opa?“ „Ja, und wir haben uns durch zehn Tabs geklickt, nur um ein Rezept ohne Lebensgeschichte zu finden.“
Wir stehen gerade an einer Schwelle. Was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr suchen, sondern nur noch fragen? Wenn ChatGPT, Claude oder Gemini nicht mehr nur Chatbots sind, sondern unser einziges Fenster zum Web?
Das Internet wird zur Datenbank (und wir merken es kaum)
Wenn das passiert, wird das Internet, wie wir es kennen – bunt, chaotisch, voller Banner – plötzlich unsichtbar. Es wird zum reinen Lieferanten im Hintergrund. Websites werden zu APIs.
Lass uns mal ein bisschen spinnen. Was würde sich wirklich ändern?
- Websites sterben (als Orte): Du „besuchst“ keine Seite mehr. Du konsumierst ihren Inhalt, aber das Design, die Navigation, das „Erlebnis“? Das macht alles die KI für dich, genau so, wie du es gerade brauchst.
- Der Tod der Affiliate-Links: Niemand klickt mehr auf „Die 10 besten Toaster“. Die KI sagt dir einfach: „Nimm den hier, der passt zu deiner Küche.“ Die Empfehlungs-Ökonomie muss sich komplett neu erfinden.
- Influencer als Chatbots: Statt Insta-Stories zu schauen, chattest du mit dem digitalen Zwilling deines Lieblings-Stars. Der antwortet in seinem Stil, rund um die Uhr.
- Schluss mit SEO-Spam: Texte, die nur geschrieben wurden, um bei Google oben zu stehen, werden wertlos. Wenn die KI merkt, dass da keine Substanz ist, wird es ignoriert. Akademische, saubere Quellen werden plötzlich wieder Gold wert.
- Deine persönliche Filterblase 2.0: Du installierst dir keine Ad-Blocker mehr, sondern „Denk-Filter“. Ein Plugin, das dir alle Nachrichten aus einer stoischen Perspektive erklärt? Oder alles durch die Brille eines Ökonomen sieht? Machbar.
- Onboarding in einem Satz: Du meldest dich nirgends mehr an. Du sagst der KI: „Ich will X erreichen – mach mal.“ Den Formularkram erledigt der Bot.
Gruselig oder genial?
Ich bin da ehrlich gesagt zwiegespalten. Einerseits: Endlich weg mit dem Lärm. Keine Cookie-Banner mehr, keine Pop-ups, einfach nur Information. Das klingt himmlisch.
Andererseits: Wer kontrolliert die Antwort? Wenn Google heute Suchergebnisse liefert, kann ich immerhin noch auswählen, wem ich glaube. Wenn mir das Sprachmodell eine Antwort serviert, wird diese Macht extrem zentralisiert. Firmen werden nicht mehr für Banner zahlen, sondern dafür, dass sie im „Gedächtnis“ der KI positiv vorkommen.
Es wird einen Kampf um die Deutungshoheit geben, den wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. (Die sinkenden Klickraten bei Google sind da nur der Anfang, siehe hier).
Für alle, die Content machen: Hört auf, für Suchmaschinen zu schreiben. Fangt an, für Maschinen lesbar zu sein. Strukturierte Daten, Fakten, klare Logik. Das ist das Futter, das die Modelle brauchen (mehr dazu unter llms.txt).
Vielleicht wird das „Surfen“ wirklich verschwinden. Aber das Bedürfnis nach Wissen bleibt. Die Frage ist nur, wer uns den Filter baut, durch den wir die Welt sehen.